Kristin Teuchtmann

Anna Mitgutsch: "Wir suchen Verlorenes immer am falschen Ort..." -

Eine Monografie

 

Mit ihrem Erstlingswerk Die Züchtigung wurde Anna Mitgutsch 1985 schlagartig bekannt. Sie erhielt dafür wichtige Literaturpreise und damit vorübergehend eine finanzielle Unabhängigkeit, die ihr ein Leben als freischaffende Schriftstellerin ermöglichte. Zudem wurde ihr seitens der Literaturkritik Talent bescheinigt und ihr Wert nicht nur mehr anhand von Verkaufszahlen gemessen. Hans Weigel schrieb: "Ich bin ergriffen, ich bin fasziniert, ich bin bewegt."

Doch bereits ihr zweiter Roman Das andere Gesicht, der nur ein Jahr später erschien, wurde von den meisten Kritikern 'übersehen'. Ausgrenzung (1989) hingegen erhielt wieder mehr Beachtung und Anerkennung, jedoch nicht von der Literaturkritik und Literaturwissenschaft, sondern hauptsächlich von Pädagogen und Psychologen, die nun auch Die Züchtigung als 'Erziehungsroman' für sich beanspruchten und dementsprechend deuteten.

Mein besonderes Interesse für die Texte von Anna Mitgutsch wurde während meiner Beschäftigung mit dem jüdisch-amerikanischen Autor Saul Bellow geweckt, als Anna Mitgutschs Roman Abschied von Jerusalem für den  renommiertesten jüdischen Literaturpreis in den U.S.A. nominiert wurde.

Im Unterschied zu Österreich, wo sich die Germanistik bisher nur wenig mit dem Werk der Autorin auseinandergesetzt hat, werden Mitgutschs Romane in den U.S.A. als Kanon-Texte aus Österreich betrachtet, denen sich auch das akademische Fach gerne anzunehmen beginnt. Doch in den U.S.A. werden die Romane Mitgutschs häufig unter politischen und feministischen Vorzeichen behandelt und weniger bis gar nicht als poetische Texte rezipiert. Aus diesem Forschungs-Defizit resultiert der Wunsch, das poetische Werk in ihrer sprachästhetischen Eigenart und Ausprägung zu beschreiben und zu interpretieren.

Die Arbeit ist nach formalen wie auch inhaltlichen Kategorien strukturiert, die, soweit dies möglich erscheint, die Chronologie des Entstehens der Texte berücksichtigen, um  Analogien und Unterschiede, ästhetische Kontinuitäten und Diskontinuitäten besser und plausibel in den Blick zu bekommen. Die vier Hauptkapitel, denen ein kritischer Aufriss über die Rezeption ihres Werkes vorangestellt ist und die durch den Versuch einer vorläufigen Bestimmung des literarhistorischen Ortes Mitgutschs eingeleitet wwerden, beschäftigen sich mit dem "Ich in der Geschichte - die Geschichte im Ich" (Ingeborg Bachmann) und mit der Begabung des Ichs zur Erinnerung, weiters mit dem „anderen Ich“ und mit der „Fremde als Grundstimmung und Leitmotiv“ und schließlich mit der topografischen Poetologie, nämlich mit der Rolle von äußeren und inneren Räumen bzw. bestimmter Orte im Werk der Autorin.